VMware-Alternative Proxmox: Wann sich der Umstieg für KMU wirklich lohnt
Seit der Broadcom-Übernahme explodieren die VMware-Lizenzkosten. Aus unserer Migrationspraxis: wann sich Proxmox VE für KMU rechnet — und wann nicht.
Wenn bei uns derzeit das Telefon klingelt und es um Virtualisierung geht, fällt fast immer derselbe Satz: "Unsere VMware-Verlängerung ist gekommen — und die Zahl darunter kann nicht stimmen." Sie stimmt meistens doch. Seit Broadcom VMware übernommen hat, haben wir bei Bestandskunden im Berchtesgadener und Traunsteiner Land Angebote gesehen, die das Drei-, Fünf- oder Achtfache der bisherigen Kosten ausmachen. Für einige unserer KMU-Kunden ist das der Punkt, an dem sie zum ersten Mal ernsthaft über eine Alternative nachdenken. Die heißt in den meisten Fällen Proxmox VE — und wir setzen sie selbst produktiv ein.
Dieser Artikel ist kein Werbetext für einen Wechsel um jeden Preis. Er beschreibt, was sich an den Lizenzbedingungen tatsächlich geändert hat, was Proxmox kann und was nicht, wie ein Migrationsweg in der Praxis aussieht — und vor allem: für wen sich der Umstieg lohnt und für wen wir aktiv davon abraten.
Was sich bei VMware seit Broadcom geändert hat
Die Übernahme von VMware durch Broadcom hat das Lizenzmodell von Grund auf umgekrempelt. Die wichtigsten Punkte, die wir bei unseren Kunden wiederfinden:
Keine Dauerlizenzen mehr. Das klassische Modell — einmal kaufen, optional Wartung dazu — ist Geschichte. VMware verkauft praktisch nur noch Abonnements. Wer eine bestehende Dauerlizenz hatte, darf sie technisch weiternutzen, bekommt aber keine Updates und keinen Support mehr, sobald die Wartung ausläuft.
Drastische Bündelung der Produkte. Aus einem sehr großen Katalog einzelner Produkte und Add-ons wurde eine Handvoll großer Pakete (rund um VMware Cloud Foundation und vSphere Foundation, dazu vSphere Standard und Essentials Plus für kleinere Umgebungen). Das Problem für KMU: Funktionen, die man früher einzeln und günstig dazukaufen konnte, stecken jetzt oft in einem teuren Bündel, das vieles enthält, was ein 15-Mann-Betrieb nie braucht.
Mindest-Lizenzierung pro Server. Broadcom hat eine Untergrenze für die Zahl der zu lizenzierenden CPU-Kerne pro Prozessor eingeführt. Für große Server fällt das kaum ins Gewicht — für die kleinen, kernarmen Maschinen, die im Mittelstand typisch sind, bedeutet es, dass man Kerne bezahlt, die physisch gar nicht existieren.
Das kostenlose ESXi ist weg. Die früher beliebte Gratis-Version von ESXi, mit der viele kleine Betriebe einen einzelnen Host betrieben haben, wurde eingestellt. Für genau diese Anwender gibt es bei VMware schlicht kein günstiges Einstiegsangebot mehr.
Unterm Strich: Wir sehen in der Praxis, dass gerade kleine Umgebungen — ein, zwei, drei Hosts — am härtesten getroffen werden. Die Lizenzlogik ist auf Rechenzentren ausgelegt, nicht auf den klassischen Mittelständler mit einem Serverschrank im Keller.
Proxmox VE: Was dahintersteckt
Proxmox VE ist eine quelloffene Virtualisierungsplattform aus Österreich. Technisch baut sie auf bewährten Linux-Bausteinen auf: KVM/QEMU für vollwertige virtuelle Maschinen (Windows-Server, Linux, alles, was auch unter VMware lief) und LXC für leichtgewichtige Container. Verwaltet wird alles über eine zentrale Weboberfläche oder die Kommandozeile — kein separater, lizenzpflichtiger Management-Server nötig.
Die Funktionen, die für KMU zählen, sind an Bord:
- ZFS als Dateisystem mit Snapshots, Prüfsummen und Software-RAID — robust und ohne teuren Hardware-RAID-Controller.
- Ceph für verteilten Speicher, wenn man echte Hochverfügbarkeit über mehrere Knoten will. Für die meisten kleinen Umgebungen ist das überdimensioniert — aber es ist da, wenn man wächst.
- Cluster und Live-Migration: Mehrere Hosts lassen sich zu einem Verbund zusammenfassen, VMs wandern im laufenden Betrieb von einem Server auf den anderen, etwa für Wartungen.
- Proxmox Backup Server: Ein eigenes, eng integriertes Backup-Produkt mit Deduplizierung und inkrementellen Sicherungen. Aus unserer Sicht eines der stärksten Argumente — ein sauberes, getestetes Backup-Konzept ist im Mittelstand oft die größere Baustelle als die Virtualisierung selbst.
Lizenzmodell: Proxmox ist und bleibt Open Source und kostenlos nutzbar. Geld kostet nur ein optionales Support-Abonnement pro CPU, das Zugang zum stabilen Repository und Hersteller-Support gibt. Wir empfehlen dieses Abo für Produktivsysteme grundsätzlich — aber selbst inklusive Abo liegen die laufenden Kosten in einer anderen Größenordnung als bei aktuellen VMware-Bündeln.
Der Migrationsweg in der Praxis
Die gute Nachricht zuerst: Der Wechsel ist deutlich weniger dramatisch, als die meisten befürchten. Proxmox bringt einen integrierten Import-Assistenten mit, der VMs direkt von einem ESXi-Host einlesen kann. Bei unseren Migrationen läuft das grob so ab:
- Bestandsaufnahme. Welche VMs laufen, mit welcher Last, welche Abhängigkeiten bestehen? Wir prüfen außerdem, ob spezielle VMware-Funktionen im Einsatz sind, die kein direktes Proxmox-Gegenstück haben.
- Proxmox-Aufbau parallel zur Altumgebung. Neue Hardware oder umgewidmete Hosts — Proxmox wird aufgesetzt, das Speicher- und Netzwerkkonzept (ZFS, VLANs) definiert.
- Test-Migration unkritischer Systeme. Ein, zwei unwichtige VMs wandern zuerst. Hier zeigt sich, ob Treiber (Stichwort VirtIO für Windows), Netzwerk und Performance passen.
- Schrittweiser Umzug der Produktivsysteme in Wartungsfenstern, mit kurzer Downtime pro VM. Die Altumgebung bleibt als Rückfalloption stehen, bis alles stabil läuft.
- Backup, Monitoring, Dokumentation. Erst wenn der Proxmox Backup Server sauber sichert und das Monitoring greift, ist die Migration für uns abgeschlossen.
Für einen typischen Drei-Host-Betrieb sind das in der Regel einige Tage Arbeit, verteilt über zwei bis drei Wochen — nicht das Monsterprojekt, vor dem viele zurückschrecken.
Die Fallstricke, die wir wirklich sehen
Ehrlichkeit gehört dazu. Es gibt Punkte, an denen eine Proxmox-Migration hakt:
- Windows-Treiber. VMs müssen auf VirtIO-Treiber umgestellt werden, damit Festplatten- und Netzwerk-Performance stimmen. Wird das übersehen, bootet die VM zwar, läuft aber zäh. Das ist Routine, wenn man es weiß — und ein Stolperstein, wenn man es nicht weiß.
- Software mit VMware-Abhängigkeit. Manche Branchensoftware oder Backup-Lösungen sind explizit für vSphere zertifiziert. Hier muss man vorher prüfen, ob der Hersteller Proxmox unterstützt oder ob es einen Workaround gibt.
- Personal und Know-how. Proxmox ist näher an Linux als VMware. Wer eine reine Windows-Mannschaft hat, braucht entweder Schulung oder einen Partner, der den Betrieb begleitet. Das ist kein K.-o.-Kriterium, aber man muss es einplanen.
- Snapshot- und Backup-Disziplin. Proxmox kann alles, aber es nimmt einem die Konzeptarbeit nicht ab. Ein durchdachtes Netzwerk- und Infrastruktur-Konzept ist die Voraussetzung dafür, dass die Plattform stabil läuft.
Für wen sich der Umstieg lohnt — und für wen nicht
Lohnt sich klar, wenn Sie eine kleine bis mittlere Umgebung mit einem bis einer Handvoll Hosts betreiben, vor allem Standard-VMs (Fileserver, AD, ERP, Datenbanken) laufen haben und gerade eine VMware-Verlängerung mit deutlich höherem Preis vor sich liegen sehen. Das ist der häufigste Fall, der bei uns auf dem Tisch landet, und in fast allen diesen Fällen ist Proxmox technisch wie wirtschaftlich die bessere Wahl.
Lohnt sich eher nicht — oder nur mit guter Planung, wenn Sie tief in das VMware-Ökosystem integriert sind: NSX, vSAN im großen Stil, zahlreiche zertifizierte Drittlösungen, ein eingespieltes Team, das ausschließlich vSphere kann. Hier kann der Umstieg teurer werden als die Lizenzerhöhung — zumindest kurzfristig. Auch wer in den nächsten Monaten ohnehin die Hardware tauscht, sollte die Migration mit dem Hardwarewechsel zusammenlegen, statt zweimal anzufassen.
Unser Rat: Rechnen Sie nicht nur die Lizenz, sondern die Gesamtkosten über drei bis fünf Jahre — inklusive Migration, Schulung und Betrieb. In der überwiegenden Zahl der KMU-Fälle, die wir begleitet haben, fällt diese Rechnung eindeutig zugunsten von Proxmox aus. Aber wir haben auch schon Kunden empfohlen, vorerst bei VMware zu bleiben, weil ihr Setup es nicht hergab.
Wie wir vorgehen
Wir starten in der Regel mit einer nüchternen Bestandsaufnahme und einer Drei-Jahres-Kostenrechnung beider Szenarien. Erst wenn die Zahlen und die technische Machbarkeit zusammenpassen, sprechen wir über einen Wechsel. Die Migration selbst begleiten wir vom ersten Test bis zum fertigen Backup-Konzept — und im Rahmen unserer IT-Beratung und Digitalisierung schauen wir gleich mit darauf, ob die Gelegenheit für eine sinnvolle Modernisierung der Infrastruktur genutzt werden sollte.
Wenn bei Ihnen demnächst eine VMware-Verlängerung ansteht und die Zahl Sie ins Grübeln bringt: Das ist genau der richtige Zeitpunkt, sich die Alternative einmal in Ruhe anzusehen — bevor der Vertrag unterschrieben ist.
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